Rezension: Autobiographie eines Yogi

Bei meiner Yogalehrer-Ausbildung war dieses 600-Seiten Werk Pflichtlektüre. Ganz ehrlich: freiwillig hätte ich nie zu diesem Buch gegriffen. Eines gleich vorweg: man muss sich darauf einlassen. Das ist keine Autobiographie im klassischen Sinn, sondern vielmehr ein recht komplexes, philosophisches bzw. metaphysisches Werk, in dem aus dem Leben von Paramahamsa Yogananda und seinen Guru Sri Yukteswar erzählt wird. Dabei wird versucht, eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu geben, und das vor einem hinduistischen, bzw. indischen Hintergrund.

Mystische Erlebnisse & Wunder

Tatsächlich sind ein großer Teil des Buches mystische Erlebnisse von Sri Yukteswar und Yoganandadessen Guru Lahiri Mahasaya. In diesen, zum Teil okkulten, Schilderungen reiht sich Wunder an Wunder (am Anfang hielt ich sie für Metaphern). Nachdem mein Leben bisher frei von Wundern dieser Art war, hatte ich damit so meine Schwierigkeiten…

Aber eins nach dem anderen: das im Ich-Stil geschriebene Buch hat es mir von Anfang an nicht leicht gemacht. Das Cover! Die unzähligen Empfehlungen auf den ersten Seiten! Die ewig-langen Fußnoten, die oft über eine Seite gehen! Der langatmige, teils blumige Schreibstil! Meine Gedanken beim Lesen der ersten Kapitel: „ … Was ist die Botschaft?… Aha, noch ein Wunder! … Können die nicht hungernden Kindern helfen, statt Mandarinen für ein Abendessen zu materialisieren?  … Hmmm, alle Gurus und Weisen sind Männer …“

Erkenntnis: der Guru ist auch nur ein Mensch

Nochmal ganz ehrlich: in der ersten Hälfte des Buches ist mir Yogananda nicht gerade sympathisch. Im Ashram zu Benares (=Varanasi), wo er sich als 17-jähriger einige Zeit aufhält, bezeichnen ihn die anderen Bewohner als Schmarotzer – ich kann das bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Sein wohlhabender, genügsamer Vater unterstützt ihn in Benares, und Zeit seines Lebens, finanziell. Eine Reise Yoganagelbe Blumenndas mit seinem Guru nach Kashmir scheitert fast daran, dass er keinen Kofferträger findet (!).

Mit Gottes Hilfe besteht er seine Prüfungen am Gymnasium und an der Universität. Jaja, ich verstehe schon, echtes Gottesvertrauen hat hier geholfen – oder wird doch Faulheit belohnt? Wäre diese Gotteshilfe nicht z.B. bei Kranken, Hungernden besser eingesetzt?

Was mir beim Lesen klar wurde: Yogananda ist auch nur ein Mensch. So pflegt er seinen sterbenden Bruder, reist aber vor dessen Tod ab, weil er es nicht erträgt, ihn sterben zu sehen. Er zieht gerne seine Schwester auf, weil sie so dünn ist. Als er ihr schlussendlich hilft, zu zunehmen, wirkt sie plötzlich viel weiblicher und blüht richtig auf. So verliebt sich ihr Mann nach Jahren der Ehe doch noch in sie. Die Moral der Geschichte: als Frau ist es besser, gut auszusehen (Ironie).

In der 2. Hälfte des Buches erfolgt dann Yoganandas Wandel hin zum Guru späterer Zeiten. Da konnte ich dann mit dem Werk auch mehr anfangen. Die Suche nach dem wahrem Selbst ist halt für niemanden einfach…

Auf der Suche nach dem Sinn

Mein persönliches Motto im Leben: „Sei dir selbst dein bester Lehrer.“ Ich bin also mein eigener Guru – und hore auf meine innere Stimme. Mein Lieblingszitat zum Thema Yoga kommt von T.K.V. Desikachar: „Yoga muss dem Menschen dienen, und nicht umgekehrt.“ Und: ich bin großer Fan der Eigenverantwortung.

Daher kann ich mit der ultimativen Suche nach einem Guru bzw. Gehorsam à la „Euer Wille ist mir Gesetz“ nicht viel anfangen. Bei solchen Sätzen im Buch, oder wenn z.B. ein Jünger aus Hingabe für Guru Babaji in den Tod springt (und wieder aufersteht), laufen mir Schauer über den Rücken. Das führt dann dazu, dass manche tatsächlich jegliche Verantwortung an andere abgeben. Zu diesem Thema, und zum Thema Guru, exzessives (transzendentalesMeditieren, und was dabei schief gehen kann, gibt es übrigens folgendes lesenswertes Buch: „Maharishi Good Bye“ von Ulrike Schrott.

Bei manchen Erzählungen war mir die Botschaft einfach nicht klar. So heilt Sri Yukteswar auf wundersame Weise den Vater eines Freundes von Yogananda, obwohl er vorhersieht, dass dieser sowieso 6 Monate später sterben wird, weil er sich nicht an seine Ratschwoods-1läge (z.B. kein Fleisch essen) halten wird. Wäre diese Energie nicht besser für einen Kranken aufgewendet, der tatsächlich bereit ist, sein Verhalten etc. zu ändern?

Manche der Gurus können Nahrung materialisieren, bzw. ernähren sich nur von Licht. Sie dürfen ihre Technik aber nicht an Bedürftige (diese haben – vereinfacht formuliert – schlechtes Karma) weitergeben, weil sie damit ins Gottesgeschehen eingreifen würden. Auf der anderen Seite gibt es Sadhus/Heilige, die durch Stigmata, Krankheiten, Askese… das schlechte Karma anderer quasi übernehmen und abtragen. Greifen die damit nicht auch ins Gottesgeschehen ein?

Was hat mir gefallen?

Auf jeden Fall das Eintauchen in eine komplett andere Welt, in eine andere Art zu Denken und die Dinge wahrzunehmen. Der vertrauensvolle Glaube Yoganandas an sich selbst und an etwas, das größer ist als er. Sein Durchhaltevermögen, Unternehmergeist und Mut – z.B. bei der Gründung seiner Schule in Ranchi, oder beim Umzug in die USA. Und: die Vielzahl an fantastischen Zitaten.

Hier eine Auswahl meiner Favoriten:
„Was man nicht im eigenen Innern findet, kann man auch nicht entdecken, wenn man seinen Körper hierhin und dorthin schleppt.“ (R. G. Muzumdar)
„Wir dürfen die Weisheit nicht verwerfen, nur weil die Weisen nichts mehr taugen.“ (Sri Yukteswar)
„Ein Heiliger, der traurig ist, ist ein trauriger Heiliger.“ (Hl. Franz von Sales)
„Die Eisenspäne des Karmas werden nur vom Magneten des Egoismus angezogen.“ (Patanjali?)
„Nur was in uns liegt, können wir auch in der Außenwelt wahrnehmen. Wenn wir keinen Göttern begegnen, so deshalb nicht, weil wir keine in uns tragen.“ (Ralph Waldo Emerson)

Und: OM = Amen. Schön.

Mein Fazit zur Autobiographie eines Yogiyogananda1-lg

Jeder braucht unterschiedliche Impulse und Erfahrungen, um auf seinem (Yoga)Weg – und auf der Suche nach dem Sinn des Lebens – weiter zu kommen. Dieses Buch zählt für mich nur bedingt dazu. Es hat zwar einige meiner Fragen beantwortet, aber schlussendlich noch mehr neue Fragen aufgeworfen. Yoganandas Leben schien einer Autobahn zu gleichen: alles lief wie geschmiert – dank Hilfe von oben.

Das ist insofern schade, als in Artikeln von anderen Autoren durchaus erwähnt wird, dass er beispielsweise Indien nur äußerst ungern verlassen hat, und seine erste Jahre in den USA alles andere als einfach waren. Genauere Schilderungen wie diese vermisse ich in der Autobiographie.

Die Gurus, Weisen, Heilige sind fast ausschließlich Männer. Therese Neumann, Ananda Mayi Ma und Giri Bala sind die einzigen beschriebenen Frauen – was schade ist, weil Yogananda ja selber der Göttlichen Mutter (Shakti) zugewandt war. Immerhin sind dann zwei Frauen im späteren Vorstand der SRF (= Yoganandas spirituelle Organisation). 🙂

Kriya Yoga wird gefühlte 1000 mal im Buch erwähnt: wie die Technik tatsächlich aussieht, wird allerdings nur oberflächlich angerissen. Nachdem es Yoganandas Auftrag war, Yoga so vielen Menschen wie möglich nahe zu bringen, und Kriya Yoga der Kern seiner Lehre ist, ist das für mich nicht nachvollziehbar – besonders weil Yogananda selbst bei seinen Seminaren Hunderte Teilnehmer gleichzeitig ins Kriya Yoga eingeführt hat.

Was mir von diesem Buch in Erinnerung bleiben wird? Auf jeden Fall die vielen, inspirierenden Zitate. Und vielleicht gibt es doch so etwas wie Karma? 🙂 Falls ihr das Buch ebenfalls gelesen habt, freue ich mich über eure Kommentare!

Bildquellen: http://www.amazon.de   *   http://www.ananda.org
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